Systemisches Denken

Systemiker denken quer. Vieles von dem, was systemisch Denkende verinnerlicht haben, widerspricht dem gesunden Menschenverstand.

Es gibt verschiedene systemische Denkansätze und Erklärungsmodelle, die sich in ihren Grundverständnissen zum Teil widersprechen. Das macht die Sache nicht einfach.

In den letzten dreißig bis vierzig Jahren hat vor allem der konstruktivistische Ansatz Anerkennung gefunden. Die Ideen und Erkenntnisse des Konstruktivismus beeinflussen unsere systemische Arbeit.

Der Konstruktivismus geht davon aus, dass sich die Welt nicht objektiv darstellen lässt. Was wir wahrnehmen und beobachten, ist nicht zwingend objektiv wahr oder nicht wahr. Wenn ein Therapeut seine Klientin als "depressiv" diagnostiziert, haben wir damit keine Informationen über den "objektiven Zustand" der Klientin, sondern über die Beobachtung und das Bewertungssystem des Therapeuten. Wirklichkeit ist nie losgelöst vom Beobachter. Diese "systemischen Erkenntnisse" werden seit einigen Jahren durch die Quantenphysik und die Neurobiologie bestätigt.

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Was ist systemisch? Systeme, Kybernetik, Autopoiese

Ist ein Sandhaufen ein System? Nein. Weil die Sandkörner einfach so da liegen, sie beziehen sich nicht aufeinander. Ein Auto ist ein System, weil sich die Elemente (hier: Bremse, Gas, Getriebe etc.) aufeinander beziehen. Eine Auto ist eine "triviale Maschine" (Heinz von Foerster). Lebewesen sind Systeme, weil die Elemente (Zellen) miteinander in Verbindung stehen. Sie erschaffen und organisieren sich selbst. Wir nennen sie deshalb "Autopoietische Systeme". Der Systemiker Niklas Luhmann sieht weitergehende Unterscheidungen (lebende Systeme, psychische Systeme, soziale Systeme). Alle diese Systeme sind autopoientische Systeme.

Konstruktivismus

Der Begriff "Konstruktivismus" ist zum Inbegriff des modernen systemischen Denkens geworden. "Konstruktivismus" bedeutet, dass wir keinen Zugang zu einer wirklichen Wirklichkeit haben, sondern nur zu unseren Vorstellungen (Konstrukten) von Wirklichkeit. In der systemischen Beratung ist die Idee vom Konstruktivismus ein mächtiges Werkzeug. Systemisch Beratende versuchen nicht, mit ihren Klienten Lösungen zu finden. Sie begleiten sie bei dem Prozess der Erfindung. Die Lösung wird erfunden, nicht gefunden. Wenn man sie finden könnte, wäre sie ja schon da, sie wäre Teil einer Wirklichkeit und würde sich irgendwo versteckt halten.

Die systemische Praxis gegenüber anderen Ansätzen

Die systemische Therapie gilt als erfolgreiche Therapieschule. In kurzer Zeit, so hört man oft, seien alle Probleme gelöst. Genau genommen ist die systemische Therapie gar keine Therapieform oder Therapieschule, sondern eine Anwendung von Lebensweisheiten, die nebenbei Heilung bewirken. Heilung ist also "nur" eine nützliche Nebenwirkung der systemischen Therapie. Die meisten Therapieschulen orientieren sich an Störungen. Störungen werden als unerwünscht angesehen. In der systemischen Welt findet der Begriff "Störung" eine andere Bedeutung. Unerwünschtes wird nicht wegtherapiert, sondern "genutzt".

So-tun-als-ob-Technik in der systemischen Beratung

In der Regel gehen wir davon aus, dass unser Verhalten durch unser Erleben maßgeblich beeinflusst wird. Wenn wir betrübt sind, sind unser Gang, unsere Stimme, unser Gesichtsausdruck, unsere Körperhaltung etc. anders als im fröhlichen "Zustand". Was liegt da näher, als an dem Erleben etwas zu ändern? Erleben und Gefühle sind aber direkt nur wenig beeinflussbar, weil sie sich überwiegend im Reich des Unbewussten "befinden". Verhalten dagegen ist meistens direkt beeinflussbar. So können wir, wenn wir z. B. betrübt sind, uns trotzdem heiter verhalten. Also aufrecht und beschwingt gehen, lächeln etc. Das Erleben wird dadurch "infiziert".

Das systemische Menschenbild

Angst